Freitag, 19. Mai 2017

Kopftuch

(Ein Poetry-Slam-Text)

Ich kenne diese Blicke. Diese fragenden, starrenden Blicke. Warum trägt diese Person ein Kopftuch? Wird sie unterdrückt? Unterdrückt sie andere? Zwingt sie vielleicht ihre Kinder, auch ein Kopftuch zu tragen? Alle starren mich an, egal wo, egal wann. Manchmal möchte ich es einfach hinausschreien: „Nein, ich werde nicht unterdrückt! Ja, ich mache das freiwillig!“ Aber es würde nichts ändern. Statt nur fragend würden sie dann ungläubig fragend starren.

Ich sitze in der Bahn. Jedem einzelnen Blick habe ich standgehalten. Mittlerweile schauen alle entweder aus dem Fenster, zu Boden oder auf ihr Handy. Aber hinter mir spüre ich deutlich die vielen Blicke. Sie bohren sich in meinen Nacken. Manchmal wäre ich gerne die Bombe, die viele wohl in mir sehen wollen. Neben mir sitzt eine ältere Dame. Sie spricht mich an: „Ist das nicht ziemlich warm mit dem Kopftuch?“

So beginnen Gespräche ziemlich oft. Man möchte wohl nicht mit der Tür ins Haus fallen und die religiösen Gefühle bereits im Einleitungssatz mit Füßen treten. Natürlich ist es warm. Es ist Sommer. Alle schwitzen, auch ich. Aber die klimatische Wärme ist nichts gegen die aufgeheizte Atmosphäre, die meine Gegenwart bei vielen erzeugt.

„Es geht“, sage ich, „das Tuch ist leicht und luftig. Es reflektiert auch ziemlich gut die Sonnenstrahlen.“

„Aha. Ja, das ist sicher praktisch.“

Es herrscht eine kurze Pause. Die Eingangsfrage ist schon mal abgehakt. Gut gekontert, könnte man meinen.

„Aber sagen Sie mal: Empfinden Sie das denn nicht als Unterdrückung?“

Ich wusste es. Muss ich das? Muss ich so empfinden, wie andere es gerne hätten? Sind diese anderen denn etwa selbst schon mal mit Kopftuch herumgelaufen? Wissen die, wie es sich anfühlt? Meist kommt die Frage ja aus einen Kulturkreis, der nicht gerade für seine Kopftuchträger berühmt ist. Jedenfalls nicht mehr. Bis nach dem Krieg wurde öfter mal Kopftuch getragen. In ländlichen Gegenden Osteuropas ist das immer noch verbreitet, zumindest bei Alten.

„Nein, empfinde ich nicht. Ich werde nicht unterdrückt.“

„Sie vielleicht nicht. Aber das Signal, das Sie mit dem Tragen des Kopftuches an die Unterdrücker …“

„Für mich ist es ein Zeichen der Freiheit!“, falle ich ihr ins Wort. „Und wie jedes Zeichen lässt es sich missbrauchen und in verschiedene Richtungen umdeuten.“

Die Dame schaut mich verwundert an: „Freiheit?“

„Jawohl. Freiheit. Das bedeutet es für mich nämlich, in einem Land zu wohnen, in dem ich ein Kopftuch tragen darf, ohne unterdrückt zu werden. Es ist eine Freiheit, die ich mir nicht nehmen lassen will, obwohl viele genau das versuchen. Sie versuchen mir zu erklären, dass ich unterdrückt werde. Aber das werde ich nicht. Also versuchen sie, mir zu erklären, dass ich andere unterdrücke, weil ich mich mit den Unterdrückern gemeinmache. Entweder bin ich Opfer oder Täter. Kann ich nicht einfach ich sein? Es gehört wohl zur Freiheit aller anderen, mich in eine Schublade einsortieren zu können. Aber es gehört zu meiner Freiheit, mich gegen Verbote, auch Denkverbote, wehren zu können. Diese Freiheit werde ich auch weiterhin nutzen und dafür kämpfen. Wenn keiner kämpft, wird sie abgeschafft. Ich wünschte nur, dieser Kampf würde mehr als nur Stillstand bedeuten und etwas in die richtige Richtung bewegen. Ich wünschte, die Menschen würden endlich begreifen: Ich trage kein Kopftuch, weil ich diskriminiert werde! Ich werde diskriminiert, weil ich ein Kopftuch trage! Aber ich bin dennoch frei, denn ich darf es tragen, weil ich es will!“

Die alte Frau schweigt eine Weile betreten. Dann schaut sie mich wieder an. „Aber ein Kopftuch ist doch nur was für Frauen.“

„Na und?“

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